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Schreiben in Residenz

Das Schöne am Schreiben…

Leta Semadeni im Deutschen Haus, New York
23. Mai bis 19. Juni 2016

Bericht der Schrifstellerin

Sicht aus dem Wohnzimmer des Silver Towers, Nr. 100, 7. Stock ©Leta Semadeni

Leta Semadeni

Leta Semadeni © Mario del Curto
Leta Semadeni, geboren 1944 in Scuol, Engadin. Leta Semadeni schreibt vorwiegend Lyrik, romanisch oder deutsch, die sie selbst in die jeweils andere Sprache überträgt. Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, 2011 mit dem Literaturpreis des Kantons Graubünden und mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. Für «Tamangur», ihren ersten Roman, erhält sie im Jahr 2016 einen der Schweizer Literaturpreise.

Man sagt, Menschen aus dem Unterengadin, die wir in einem engen Tal zwischen hohen Bergen leben, würden sich sofort wohl fühlen in New York. Und so war es auch.

Die Wohnung im Silver Tower, mit einer guten Bibliothek bestückt, finde ich ideal, was die Lage und den grosszügigen Grundriss betrifft. Die Sicht aus den Fenstern des Wohnzimmers hat mich fasziniert. Es gab Abende, an denen die Sonne ihr Licht auf die gegenüberliegenden Gebäude in einer Art warf, dass man ganz verzaubert war. Sie tauchte die Häuser in dieses eigenartige, fast hypnotische Licht, das ich so bisher – ausser auf Hopper-Bildern – noch nirgends gesehen hatte.

Immer der Nase nach

Was mir an Manhattan so gefällt, ist, dass man sich ohne Stadtplan darin bewegen kann. Auf meinen täglichen, mehrstündigen Märschen durch die Stadt lernte ich meine Umgebung kennen und schätzen. Ich laufe mit offenen Augen und Ohren durch die Strassen, immer der Nase nach. Alles, was ich sehe, höre, rieche und erfahre macht mich reicher und wird Teil von mir. In irgendeiner Art kann es später Eingang finden in einen Text, in eine Geschichte – muss es aber nicht.

Aufenthalt im Deutschen Haus New York

Leta Semadeni konnte mit der Unterstützung von Pro Helvetia im Frühling 2016 einen vierwöchigen Aufenthalt im Deutschen Haus New York verbringen. Zusammen mit unserem Partner, dem Deutschen Haus at New York University, ermöglichen wir jedes Jahr einem Schweizer Autor oder einer Schweizer Autorin einen zweimonatigen Aufenthalt in Manhattan.

Sicher ist, dass ich mich nie in einer fremden Stadt aufhalte, um über diese Stadt zu schreiben. Schreiben ist immer auch ein Reflektieren, und ich wollte in New York nicht über New York reflektieren, sondern es erleben. Was ich aber täglich mache, egal wo ich mich gerade aufhalte, das sind Notizen. Ich nenne es Material sammeln. Auch in New York habe ich täglich Material zusammengetragen. Vom Gerüst meines neuen Schreib-Projekts habe ich zwar eine Ahnung, aber sie wechselt vorläufig noch ständig. Damit das Gerüst steht, brauche ich dieses Material, und Schreiborte, wie New York sind ideal, um es zu sammeln.

Washington Square Park

Das Schöne am Schreiben ist, dass man es überall machen kann. Auf dem Weg ins Deutsche Haus New York, wo ich freundlicherweise am Morgen im kleinen Saal auf dem Klavier üben durfte, kam ich immer durch den Washington Square Park. Ein idealer Ort, um Beobachtungen zu machen, um sich zu entspannen, um zu essen, um zu arbeiten oder um den verschiedenen Sprachen und Musikanten zuzuhören. Alles oder nichts kann für mich inspirierend sein.

Zusammen mit der Übersetzerin Tess Lewis durfte ich einen Abend im Deutschen Haus New York bestreiten. Und in einer Deutschklasse der New York University, geleitet von Regula Rüegg, hatte ich eine Lesung mit anschliessender Diskussion.

Washington Square Park. ©Leta Semadeni

Lavin, 13. Juli 2016

Hier findet man zusätzlich ein Interview, das das Schweizer Konsulat in New York mit Leta Semadeni geführt hat.