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Schreiben in Residenz

«Haben Sie auch etwas geschrieben?»

Patric Marino

Patric Marino
Patric Marino (*1989) ist ein Schweizer Autor.

2012 erschien seine mehrfach ausgezeichnete Erzählung «Nonno spricht» (Lokwort), eine Liebeserklärung an seine Grosseltern und die süditalienische Kultur. Mit dem Musiker Oli Kuster bildet er das Duo «Die Astronauten» und verknüpft berndeutsche Texte mit elektronischer Musik zu schwereloser Poesie. Er schreibt Reportagen aus dem Süden (für die NZZ am Sonntag, Das Magazin, Transhelvetica) und tanzt mit seinen Schülern Jamben und Daktylen.

Mehr Informationen auf http://www.literaturbuero.ch und http://www.dieastronauten.ch.

Residenz

Patric Marinos Aufenthalt in Split wurde durch das Writer in Residence Programmes in Southeast Europe ermöglicht.

Dieses verfügt über Residenzen in Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegovina, Kosovo, Mazedonien und Albanien. Unterstützt wird es von Traduki, dem europäischen Netzwerk für Übersetzung, Literatur und Bücher. An diesem sind die deutschsprachigen sowie die südosteuropäischen Länder beteiligt.

Patric Marino in Split (Kroatien), August 2016

Im Sommer 2016 war ich einen Monat lang Writer in Residence in Split, Kroatien, – und hätte ebenso gut nach Rimini fahren können, um in Ruhe zu schreiben und eine neue Kultur kennenzulernen. Doch ich bin dankbar für die Erfahrungen, Begegnungen und Geschichten, die ich aus Split mitnehme, und möchte hier einige davon erzählen.

Die Residenz befindet sich in der Altstadt von Split, die im August fest in der Hand von Touristen ist. Am ersten Tag war das ein Schock für mich, erst am Abend ging ich aus dem Haus und erkundete die Stadt auf langen Spaziergängen. So brauchte ich einige Tage, bis ich mich eingerichtet hatte und die nötige Ruhe fand, um zu lesen und zu schreiben. Gerade an fremden Orten, ohne feste Tagesstruktur, entwickle ich unumstössliche Rituale und Routinen. Jeden Morgen trank ich in der gleichen Bar meinen Kaffee, kaufte auf dem Markt Gemüse und Früchte und ass beim nahen Bäcker Burek. Wir verständigten uns in einem Mix aus Englisch, Italienisch und Kroatisch, einen Monat lang waren der Barista und die Händler meine besten Freunde. Im Marjan-Park, beim Fussballspiel des populären Stadtvereins Hajduk Split oder auf Busfahrten ausserhalb der Stadt habe ich eine Vorstellung der kroatischen Kultur bekommen.


Als ich Edi Matić, meinen Gastgeber, traf und ihm vom Markt und Fussball und Meer erzählte, fragte er: «Have you also written anything, or did you just go to the beach?» Ja, ich konnte ihm erzählen von meinem Tagebuch mit Beobachtungen, von kroatischen Kinderversen zum gemalten Krebs in der Strandbar, von kurzen Gedichten und Geschichten. Eine davon schildert das Gefühl, aus den Italienferien alles in Kroatien zu kennen und doch fremd und unverstanden zu bleiben – das muss eine Verwechslung sein.

Ich schrieb mehrheitlich kurze Texte, die vier Wochen vergingen zu schnell, um ein grösseres Projekt anzustossen. Für das Electro-Poetry-Duo «Die Astronauten» schrieb ich berndeutsche Texte, die ich gemeinsam mit Oli Kuster zu Musik arrangiere. Ein Stück trägt sogar einen kroatischen Titel, «Teško li je», an der Aussprache der kroatischen Strophe feile ich noch.

Neben fertigen und skizzierten Projekten bleiben mir viele Eindrücke, Geschichten und Begegnungen, die nicht oder noch nicht in Textform vorhanden sind. An meinem letzten Abend in Split wurde ich zu einer Lesung eingeladen. Marijo Glavaš moderierte und übersetzte, die kroatische Autorin Katja Grcić las Gedichte und einen meiner Texte auf Kroatisch. Mit ihnen zu diskutieren, auf Berndeutsch und Kroatisch zu lesen und auf Interesse beim Publikum zu stossen, war eine schöne Rückmeldung, und es bleibt der Wunsch, diesen Leuten bereits zu Beginn des Aufenthalts begegnet zu sein.

Ich danke Pro Helvetia herzlich für die Ermöglichung der Residenz, dem Netzwerk traduki für die Vermittlung, Maja Vrančić und Edi Matić für die Betreuung vor Ort und Dragica Rajčić für die kroatische Gastfreundschaft.

Text von Patric Marino, im Oktober 2016