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Schreiben in Residenz

Nah am Gefrierpunkt im Ledig House

© Dmitrij Gawrisch

Dmitrij Gawrisch

© Dmitrij Gawrisch

Dmitrij Gawrisch, geboren 1982 in Kiew, aufgewachsen in Bern, studierte Betriebs- und Volkswirtschaft. Im Jahr 2010 zog er nach Berlin, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Gawrisch ist preisgekrönter Autor u.a. der Theaterstücke «Brachland», «Mal was Afrika» und «Lessons of Leaking», die auf Bühnen im In- und Ausland zu sehen sind. Zudem schreibt er Prosa und auch regelmässig für die Zeitschrift «Reportagen». Für «Sotschis Soundtrack» – ein Auftrag von «Reportagen» und unterstützt von Pro Helvetia – entwickelte er eine neue Erzählform, angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Reportage, Theater und Hörspiel. Der Text war für den Reporterpreis als beste deutschsprachige Reportage des Jahres 2016 nominiert.

Im Herbst 2017 verbrachte der Autor und Dramatiker Dmitrij Gawrisch einen Monat im Ledig House bei Ghent/NY. Dieses wird von „Art Omi“ betrieben, einer NPO die internationalen Künstlerinnen und Künstlern Residenzen bietet. Rund 10 Autorinnen und Autoren wohnen jeweils gleichzeitig im Ledig House und können sich voll und ganz dem Schreiben widmen. An den Wochenenden finden Netzwerkanlässe wie Treffen mit Literaturagentinnen, Verlegern oder Filmproduzentinnen statt. Gawrisch schildert im folgenden Bericht pointiert und mit feinem Humor seine Eindrücke von dem Aufenthalt.

Leseprobe: «Spätabends, nah am Gefrierpunkt»

(…) Rita ist es, die Abend für Abend ihr dunkelblaues Auto vor die Tür des Ledig House steuert, Rita trägt Tüten mit frischen, mehrheitlich regional angebauten Lebensmitteln in die Küche, um für uns pikantes Allerlei aus aller Welt zuzubereiten. Während wir essen, einander Anekdoten aus unseren Leben und Städten erzählen, Erfahrungen teilen, lachen oder schweigen, hören wir nicht, wie Rita in der Küche Obst schnippelt. An anderen Tagen setzt sie Genuss vor Gesundheit und stellt Schokolade oder süßen Apple Pie zum Nachtisch auf. Ein einziges Mal gibt sie unserem Drängen nach, legt auch sich Essen, das sie zubereitet hat, auf den Teller und nimmt an der langen Tafel mit uns Platz. Wir aber scheinen weder etwas über ihre Kindheit, noch ihre Ehe, ihre Kinder oder ihre Hauseinrichtung wissen zu wollen, eine einzige Geschichte über ihre Enkel schafft sie zum Besten zu geben, bevor sich das Gespräch amerikanischen Literaturscouts zuwendet (…). Irgendwann steht Rita auf und geht in die Küche, ihr Weinglas und das schlechte Gewissen lässt sie am Tisch zurück. (…)

ganzer Text von Dmitrij Gawrisch in Deutsch als PDF

(Fotos: © Dmitrij Gawrisch)