Masterclass Illustration bringt eine Delegation von Kinderbuchillustrierenden nach China

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Delegation der Masterclass Illustration auf der China Shanghai International Children’s Book Fair

Nach ihren Aufenthalten in Shanghai und Hongkong berichten Illustrierende und die Organisatorinnen von ihren Erkenntnissen.

Die Masterclass Illustration für Kinderbuchillustrierende war mit einer Delegation auf der China Shanghai International Children’s Book Fair vertreten, die vom 14. bis 16. November 2025 stattfand. Die von Nina Wehrle (Schweiz) und Solene Xie (China) organisierte Ausgabe brachte acht Illustrierende aus der Schweiz, China, Palästina und Nepal zusammen. Das Programm umfasste Online-Workshops und -Seminare, Austauschrunden mit Gleichgesinnten, Präsentationsmöglichkeiten für die Arbeiten der Teilnehmenden sowie Besichtigungen vor Ort in Shanghai und Hongkong.

Die im Jahr 2024 von Pro Helvetia ins Leben gerufene Masterclass ist eine dreiteilige Initiative mit dem Ziel, den fachlichen Austausch zu fördern, das Wissen über internationale Märkte zu stärken, die globale Sichtbarkeit zu steigern und Kinderbuchillustrierende aus der Schweiz und den Regionen der Verbindungsbüros von Pro Helvetia zu vernetzen.

Die Delegation der Masterclass Illustration im Gespräch mit jungen Medienschaffenden.
Die Delegation der Masterclass Illustration beim Networking nach dem Forum.

Über die multilaterale Zusammenarbeit

Die Delegation der Masterclass Illustration hält Keynotes.

Inwiefern hat dieses spezifische kontinentübergreifende Programm Ihr Verständnis der weltweiten Kinderliteratur bereichert?

Nina Wehrle (Schweiz): Die künstlerische Qualität, das technische Know-how und die Einsatzbereitschaft der chinesischen Illustrierenden, die wir getroffen haben, sind bemerkenswert. Die Motivation der verschiedenen Mitwirkenden und ihre Entschlossenheit, Wege für eine freie und künstlerisch starke Bilderbuchgestaltung zu finden, sind äusserst beeindruckend. Ich habe ein umfassenderes Verständnis für den Wert vielfältiger Geschichten entwickelt, die von kulturellen Unterschieden geprägt sind. Sie betonen das, was uns verbindet, das Menschliche – und nicht die politischen Unterschiede. Solche Geschichten brauchen wir heute mehr denn je.

Solene Xie (China): Durch diese Erfahrung habe ich ein tiefgreifenderes Verständnis für internationale Kinderliteratur entwickelt, insbesondere für Bilderbuchschaffende. Ich hatte die Gelegenheit, eng mit Illustrierenden aus der Schweiz, Nepal und Palästina zusammenzuarbeiten. Obwohl unsere Lebensweisen so unterschiedlich sind, ist unsere Liebe zu Kinderbüchern genau dieselbe. Freundschaften sind entstanden, wir haben uns über unsere Lieblingswerke und -kunstschaffende ausgetauscht, und ich habe Kinderbücher aus einer ganz neuen Perspektive betrachtet. Darüber hinaus war ihre Sichtweise auf originale chinesische Bilderbücher voller angenehmer Überraschungen. Kurz gesagt: Ein schönes Bilderbuch kennt keine Grenzen.

Thea Lu (China): Als ich in die Welt der Bilderbücher eintauchte, stammten die meisten Werke, mit denen ich mich auseinandersetzte, aus Grossbritannien, den USA, Frankreich, Italien und Spanien – den dominierenden Ländern in der Bilderbuchbranche. Durch die multilaterale Zusammenarbeit habe ich herausragende Kreative aus anderen Ländern kennengelernt.

Yara Bamieh (Palästina): Das interkulturelle Format der Masterclass und die Zusammenarbeit mit Bilderbuchautorinnen und -autoren aus verschiedenen Ecken der Welt haben mir gezeigt, wie viele unserer kreativen Erfahrungen und Herausforderungen wir gemeinsam haben. Wir haben offen über unsere Arbeitsmethoden, Verträge, finanzielle Stabilität sowie Agentinnen und Agenten diskutiert, was mein Selbstvertrauen dahingehend gestärkt hat, meinen eigenen Weg in Worte zu fassen. Mir ist auch bewusster geworden, wie universell elementare Kindheitserfahrungen sind und wie viele Themen in Kinderbüchern angesprochen werden können.

Maeva Rubli (Schweiz): Die Praktiken, Projekte und Perspektiven anderer Kunstschaffender kennenzulernen, war sehr inspirierend. Bei Treffen mit chinesischen Verlagen (privaten und öffentlichen) habe ich ein besseres Verständnis für die Verlagsbranche, ihre aktuellen Ziele und Bedürfnisse gewonnen. Durch die Gespräche mit Gästen und Fachleuten mit unterschiedlichen Hintergründen konnte ich ein umfassenderes Verständnis von Bilderbüchern aus historischer, wirtschaftlicher, kultureller und künstlerischer Perspektive entwickeln. Der Austausch von kollektivem Wissen hat mir neue Denkanstösse gegeben.

Bandana Tulachan (Nepal): Es war eine wertvolle Erfahrung für mich, von verschiedenen Orten und von einer vielfältigen Gruppe von Kunstschaffenden und Verlagsfachleuten etwas über die Kinderbuchbranche und das Verlagswesen zu erfahren. Durch den Austausch mit Kunstschaffenden und das Teilen unserer Erfahrungen haben wir festgestellt, wie unterschiedlich wir alle sind und dass wir gleichzeitig mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind und ähnliche Anliegen haben. Mir hat auch der Besuch bei den Verlagsfachleuten gefallen, und es war noch dazu sehr ermutigend, dass zahlreiche Frauen in diesem Bereich aktiv waren. Ich konnte mich aktiv davon überzeugen, wie gross die Kinderbuchbranche in China ist und wie qualitativ hochwertig die Geschichten, die Illustrationen und die Produktionen sind.

Taltal Levi (Schweiz): Besonders inspiriert haben mich die bemerkenswerte Leidenschaft und Motivation der chinesischen Illustrierenden. Wenn ich auch nur mit einem Bruchteil ihrer Hingabe meiner Arbeit nachgehen könnte, wäre ich dankbar dafür. Ihre Herangehensweise hat mich daran erinnert, unseren Beruf mehr zu schätzen und danach zu streben, mit der gleichen Einsatzbereitschaft wie sie bedeutungsvolle und schöne Bücher zu gestalten.

Über das Networking und den Austausch

Die Delegation der Masterclass Illustration hält Keynotes.

Können Sie einen bestimmten Moment des Austauschs auf der Buchmesse mit uns teilen, vielleicht mit einer bzw. einem chinesischen Illustrierenden/Verlegerin und Verleger/Kollegin und Kollegen, die/der unerwartet eine neue Idee geweckt hat oder zu einer neuen Zusammenarbeit führen könnte?

Solene Xie (China): Ich möchte von einer Veranstaltung berichten, die ich speziell für die Teilnehmenden der Masterclass in der Shanghai Book Mall während der Shanghai International Children’s Book Fair kuratiert habe: A Day in the Life of Illustrators Around the World (Ein Tag im Leben von Illustrierenden aus aller Welt). Die Illustrierenden berichteten abwechselnd über den eigenen Arbeitsalltag, kreative Räume, bevorzugte Tools, Lieblingsautorinnen und -autoren und geliebte Städte. Dadurch haben wir uns alle besser kennengelernt und uns einander geöffnet.

Maeva Rubli (Schweiz): Am meisten inspirierten mich der Austausch mit anderen Kunstschaffenden und dem Team, das die Gruppe leitete, sowie die Besuche von Buchläden und die direkte Auseinandersetzung mit den Büchern selbst.

Yara Bamieh (Palästina): Durch Atelierbesuche und Gespräche mit Illustrierenden in China erhielt ich Einblicke in die Tools, Materialien und Arbeitsumgebungen anderer Illustrierenden. Das weckte neue Ideen für den Arbeitsprozess und zeigte mir, wie unterschiedliche Einschränkungen zu kreativen visuellen Lösungen führen können. Die Portfolio-Besprechungen mit chinesischen Verlagsfachleuten boten mir erstmals die formelle, strukturierte Gelegenheit, meine Arbeit auf diesem Niveau präsentieren zu können.
Claudia von Enchanted Lion Books sprach über ihre Philosophie, Bücher zu veröffentlichen, von denen sie überzeugt ist, anstatt dem Markt und den Trends zu folgen, und bestärkte mich in meinem Vertrauen in meinen eigenen künstlerischen Weg. Durch Sydney Smiths Ausführungen über die «Sicherheit des Buches», wodurch Kinder sich auf schwierige Emotionen einlassen und sich bei Bedarf zurückziehen können, habe ich ein umfassenderes Verständnis für die emotionale Tiefe in Bilderbüchern entwickelt. Ausserdem stimmen sie sehr stark mit dem Projekt überein, an dem ich aktuell arbeite.

Thea Lu (China): Im Gespräch wurde die Herausgeberin/Gründerin von Enchanted Lion Books gefragt, wie wir mit der Tatsache umgehen sollten, dass Kinder sich immer mehr für soziale Medien als für Bücher interessieren. Ihre Antwort hat mich sehr ermutigt: «[…] Wir sollten nicht nur darüber nachdenken, wie wir mit dieser Realität umgehen, sondern auch darüber, wie wir die Realität gestalten können […]».

Bandana Tulachan (Nepal): Ich denke, einer der schönsten Aspekte dieser Reise war die Masterclass, bei der wir als Gruppe zusammenkamen und uns auf persönlicher Ebene kennenlernen konnten. Was mich besonders beeindruckt hat, war die Leidenschaft und Freundlichkeit aller Teilnehmenden. Es gab so viele Momente, die neue Ideen weckten und neue Möglichkeiten aufzeigten. Eine wichtige Erkenntnis, die ich aus meinen Begegnungen mitnehme, ist die Notwendigkeit, eine Gemeinschaft für Illustrierende in Nepal zu gründen, um den kreativen Austausch und die Zusammenarbeit zu fördern und sich gegenseitig bei der Bewältigung von Herausforderungen zu unterstützen.

Taltal Levi (Schweiz): Einer der unvergesslichsten Momente für mich war das Treffen mit dem Verlag, der bereits eines meiner Bücher übersetzt hatte. Auch Yukikos Vortrag über japanische Kinderbücher hat mich sehr inspiriert. Sie hat mir eine völlig neue Seite der Bilderbuchwelt eröffnet, die ich zuvor nie ernsthaft in Betracht gezogen hatte, die ich nun aber mit Begeisterung genauer kennenlernen möchte.

Über den kulturellen Dialog

designer speaks about his practices
Die Delegation der Masterclass Illustration hält Keynotes.

Haben Sie überraschende Parallelen oder auffällige Unterschiede im visuellen Storytelling festgestellt zwischen Ihrem Heimatmarkt und dem, was Sie in China beobachtet haben? Wie hat diese direkte Begegnung Ihre Gedanken über Ihre eigene Arbeit und Herangehensweise beeinflusst, während Sie sich der Leserschaft weltweit vorgestellt haben?

Solene Xie (China): Die Erstellung von Kinderbüchern hängt zwar hauptsächlich vom individuellen Talent und viel Fleiss ab, doch der Aufbau professioneller Netzwerke spielt ebenfalls eine äusserst wichtige Rolle, um veröffentlicht zu werden, Marktpräsenz zu erlangen und eine Leserschaft zu gewinnen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Werke dieser Delegation mehr chinesische Leserinnen und Leser finden werden – vor allem dank der zahlreichen gemeinsamen Veranstaltungen, an denen sie in Shanghai teilgenommen haben und bei denen sie Bilderbuchfachpersonen, erfahrene Lektorinnen und Lektoren und andere Kreative persönlich treffen konnten. Insgesamt wird diese Reihe von Veranstaltungen mit Illustrierenden aus verschiedenen Teilen der Welt neue Möglichkeiten für die Märkte aller Beteiligten eröffnen.

Nina Wehrle (Schweiz): Ich bin überrascht, wie viele Gemeinsamkeiten wir mit der Gruppe in China haben. Chinesische Illustrierende sind geschickter im Zeichnen, mit Techniken und Texturen. In China gibt es mehr Serien- und pädagogische Publikationen. Und auch Neuinterpretationen traditioneller chinesischer Fabeln/Geschichten sind weit verbreitet.

Thea Lu (China): Da sich unser Leben in der Stadt immer mehr ähnelt, habe ich das Gefühl, dass es auf der sehr oberflächlichen Ebene des sogenannten Stils schwierig ist, einen klaren «nationalen/kulturellen Unterschied» zwischen uns Kunstschaffenden aus verschiedenen Ländern zu erkennen. Was mich sehr interessiert, ist, dass unter diesen oberflächlichen Unterschieden möglicherweise tiefere Differenzen in Bezug auf Themen, Perspektiven und narrative Vorlieben, den Einsatz von Rhythmus usw. liegen – also subtilere kulturelle Schichten, die nicht sofort erkennbar sind.

Yara Bamieh (Palästina): Der Bilderbuchmarkt in China unterscheidet sich in seiner Grössenordnung stark von der Verlagsbranche, aus der ich komme. Ich habe bei chinesischen Büchern ein starkes Augenmerk auf Qualität, Handwerkskunst und Know-how wahrgenommen. Viele Themen strahlten eine Zärtlichkeit oder Wärme für Kinder aus, in Kombination mit einer Verspieltheit, die ich inspirierend fand. Auch die hohe Qualität der Produktion hat mich sehr beeindruckt.

Maeva Rubli (Schweiz): Der chinesische Buchmarkt scheint Freude, Wärme und Lernen in den Vordergrund zu rücken. Im Rahmen meiner eigenen Arbeit beschäftige ich mich oft mit schwierigeren Themen. Diesen Aspekt meiner Arbeit möchte ich weiterhin beibehalten, denn er ist die treibende Kraft hinter dem, was ich tue: Storytelling als Mittel zur Verarbeitung, Heilung, Verbindung und Fürsorge. Ich wurde dazu inspiriert und verspürte den Wunsch, Wärme und Nähe in meine Arbeit einfliessen zu lassen, um eine engere Verbindung zur Leserschaft aufzubauen.

Bandana Tulachan (Nepal): Es gibt tatsächlich grosse Unterschiede in der Verlagsbranche. Ich hatte den Eindruck, dass der Markt in China riesig ist und Verlage viele verschiedene Bücher für unterschiedliche Genres und Altersgruppen herausbringen. In Nepal hingegen ist der Markt recht klein, wodurch es schwierig ist, Bücher zu veröffentlichen, die eine riskante Investition darstellen könnten. Daher entscheiden sich Verlage in der Regel für Bücher, die eine breite Masse ansprechen. Der Besuch der Buchmesse, der Bibliotheken, der Austausch mit Kunstschaffenden und diese Masterclass insgesamt haben mir neue Perspektiven aufgezeigt, wie ich mich von meiner Neugier leiten lassen und selbstbewusst meiner Arbeit nachgehen kann.

Taltal Levi (Schweiz): Eine Sache, die mir an chinesischen Bilderbüchern besonders aufgefallen ist, war ihr Fokus auf kleine, alltägliche Momente, auf die Ruhe und den Frieden, die in kleinen Dingen zu finden sind. Oft feiern sie gemeinsame Erfahrungen, die Natur und emotionale Feinheiten, anstatt sich von individuellen Errungenschaften oder dramatischen Herausforderungen leiten zu lassen. Durch diesen Kontrast habe ich über die emotionalen Nuancen nachgedacht, die ich in meine eigene Arbeit einfliessen lasse. Beeindruckt hat mich auch die Liebe zum Detail beim Druck, der Papierqualität, dem Buchbinden, dem Grafikdesign und der speziellen Produktionstechniken.

Masterclass Illustration 2026

Die dritte und letzte Ausgabe der Masterclass Illustration für Kinderbuchillustrierende wird den Fokus auf den arabischen Raum richten.

Einblicke in die erste Ausgabe, deren Schwerpunkt auf Südasien lag, erhalten Sie hier.