Zwischen Kultivierung, Kunst und Netzwerk
Schweizerische Gartenbau-Ausstellungen im Wandel des Naturverständnisses

Annemarie Bucher

Die schweizerische Geschichte der Garten- und Landschaftsarchitektur ist geprägt von zwei nationalen Gartenbau-Ausstellungen, die wichtige Umbrüche im Naturverständnis markieren: Die G59 (1959 in Zürich) und die Grün 80 (1980 in Basel) boten nicht nur temporäre und bleibende Gestaltungsbeispiele, sondern auch Raum zur öffentlichen Debatte; sie spiegeln damit das gesellschaftliche Naturverhältnis in seinem Wandel wider. (1)

Bis in die Gegenwart beeinflussen Gartenbau-Ausstellungen die Entwicklung der Garten- und Landschaftsarchitektur. Von der traditionsreichen Chelsea Flower Show in London bis zu den deutschen Bundes- und Landesgartenschauen (2) haben sich Veranstaltungen im Bereich von Garten und Landschaft zu wichtigen Institutionen der Verbreitung und des Austausches von Ideen zwischen Fachleuten und Publikum entwickelt.

Ausstellungen sind Ereignisse, die zwischen fachlich aufbereiteten Themen und einem größeren Laienpublikum vermittelnd wirken wollen. Sie greifen auf entsprechende Modi des Zeigens und der Objektinszenierung zurück. Gestaltete Natur auszustellen verlangt einerseits vom Gegenstand her besondere Konzeptionen und Präsentationsformen. Andererseits ist die ästhetische Gestaltung von Natur schon auf ein Betrachten hin angelegt. Einen Ausstellungscharakter offenbaren besonders jene Parks und Gärten, in denen sich die inszenierte Natur als Bildergalerie spazierend erfahren ließ.

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden in verschiedenen europäischen Städten vermehrt spezifische Pflanzen- und Blumenschauen veranstaltet, an denen Pflanzen ähnlich wie Kunstwerke in Ausstellungshallen arrangiert wurden. Eigenständige Gartenbau-Ausstellungen mit Entwurfskonzepten, Plänen und Modellen sowie mit Mustergärten im Freien sind ab Mitte des 19. Jahrhunderts nachzuweisen. Bemerkenswerte gartenarchitektonische Leistungen waren jedoch auch an den pluridisziplinären Ausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu verzeichnen. Zwischen Nutzen und Zier bildete der Gartenbau einen thematischen Schwerpunkt an diversen Landwirtschafts-, Gewerbe- und Industrieausstellungen, sowie an Welt und Landesausstellungen. In der Schweiz besonders populär waren die Landwirtschaftsausstellungen, die nicht nur den technischen Stand der schweizerischen Land- und Forstwirtschaft sowie des Gartenbaus dokumentierten, sondern in Verbindung mit Festplätzen, Trachtenumzügen u. a. reichlich Vergnügungsmöglichkeiten boten. An verschiedenen kantonalen Gewerbeausstellungen waren gartenarchitektonische Beiträge und gärtnerische Produktepräsentationen anzutreffen; innovative gartenarchitektonische Beiträge waren Begleiterscheinungen von Architektur- und Kunstgewerbeausstellungen. Solche Ausstellungsgärten wurden jedoch nur in kleinem Rahmen beachtet. Hingegen zogen garten- und parkartig gestaltete Ausstellungsgelände bei den Welt- und Landesausstellungen das Interesse einer breiten Öffentlichkeit auf sich.

Im Rahmen der Landesausstellungen spiegelt sich der Funktions- und Gestaltwandel in Garten und Landschaft exemplarisch. Bereits an der ersten Schweizerischen Landesausstellung 1883 auf dem Platzspitz in Zürich haben Landschaftsgärtner das Ausstellungsgelände nach den Grundsätzen des klassischen Landschaftsgartens vorbildhaft inszeniert. Diese Stilvorstellungen wurden an der zweiten Schweizerischen Landesausstellung in Genf 1896 ausgebaut, so dass sich die Umgebungsgestaltung zum Attraktionenpark wandelte: Mit dem Village Suisse und dem Alpengarten vor dem Pavillon des Schweizerischen Alpenklubs wurden konkrete Landschaftsbilder der Schweiz nachgebaut, die im Dienst der nationalen Repräsentation auf dem internationalen Ausstellungsparkett (etwa an den Weltausstellungen) zu sehen waren. Während im Schweizer ‚Dörfli’ topografische Besonderheiten simuliert und darin eingebettet eine entsprechende Architektur propagiert wurde, präsentierte der Alpengarten – mit Enzian und Edelweiss – eine „nationale Flora“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam eine neue Gestaltungshaltung auf, die sich primär an der Architektur orientierte und den in der Schweiz nur kurzlebigen Architekturgartenstil propagierte. Als Reaktion auf die strengen architektonisch begründeten Gestaltungsregeln wurde eine Debatte über die Funktion des Gartens geführt, die dem Wohnen große Bedeutung zusprach. Der Garten sollte nicht nur repräsentativ sein, sondern sich auch als Aufenthaltsraum im Freien eignen. In diesem Geist und im Rahmen der Werkbundausstellung von 1931 in Zürich entstand die Mustersiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen. Das Programm dieser „Gartenstadt“ am Stadtrand sah eine offene Siedlung für eine offene Gesellschaft vor. Das Architektenteam zog für die Umgebungs- und Gartenarbeiten Gustav Ammann zu Rate, der sich hauptsächlich als beratender und nicht (mehr) als ausführender Gartenarchitekt ins Spiel brachte. Im Rahmen dieses Experimentes konnte er neue Ansätze einer Garten- und Freiflächengestaltung einbringen, in der weder die privaten noch die öffentlichen Aussenräume durch Zäune markiert waren. Auf den Garten übertragen hieß „befreites Wohnen“ (nach Sigfried Giedion), das traditionelle Element des Gartenzauns über Bord zu werfen.

Seit Mitte des 19. Jh. veranstalteten regionale schweizerische Gartenbaugesellschaften und -vereine immer wieder Ausstellungen mit Pflanzen, Blumen und gewerblichen Aspekten des Gartenbaus. Doch erst die Züga (Zürcher Gartenbau-Ausstellung) 1933 in Zürich verhalf dem Garten als eigenständiges gestalterisches Anliegen zum Durchbruch. Die starren Regeln des architektonischen Gartens wurden zugunsten einer organischeren Formensprache aufgegeben. Die an der Züga zum Ausdruck gebrachten Probleme drängten immer mehr auf eine neue Begründung des Gartens hin, der seine Form nicht nach äußeren Regeln, sondern aus der inneren Notwendigkeit seiner Elemente entwickelte. Immer deutlicher verschob sich das Gewicht von gewerblichen Interessen hin zu Stil- und Geschmacksfragen.
Die Suche nach einem nationalen Stil beschäftigte die kreativen Köpfe in der Schweiz besonders zwischen den Weltkriegen. Im Vorfeld des 2. Weltkrieges und gleichzeitig mit der Weltausstellung 1939/40 in New York und der Reichsgartenschau in Stuttgart fand die Landi 39, die 4. Schweizerische Landesausstellung in Zürich statt. Unter der Devise „Kleines Volk schafft große Werke“ hatte sie sich zum Ziel gesetzt, den gesamten Lebensraum der Schweizer zur Diskussion zu stellen. In diesem Kontext erfüllte die Gartengestaltung stärker als zuvor die Aufgabe der Integration: Die ganze Ausstellung wurde zum Garten erklärt. Die Gartenarchitekten schlossen sich damit an das Diktum des Chefarchitekten Armin Meili an, der vom „schweizerischen Baubekenntnis an der Landi“ und der Suche nach einem gültigen schweizerischen Stil sprach. Neben den Gärten und Umgebungsgestaltungen wurden an der Landi erstmals auch Maßnahmen der Landesplanung diskutiert. Damit wurde nicht nur das Tätigkeitsfeld des Gartenarchitekten erweitert, sondern auch die gesamte Landschaft Schweiz ins Auge gefasst.

Den eigentlichen Durchbruch der Moderne im Gartenbereich markiert die G59 in Zürich, 1959 (1. Schweizerische Gartenbau-Ausstellung Zürich). Sie entstand aus dem Bedürfnis, den Berufsstand der Gärtner und Gartenarchitekten zu festigen und in Gestaltungsfragen eine Orientierung zu finden. Als sogenannte „Blumenlandi“ hatte die G59 einen großen Unterhaltungswert und zog viel Publikum an. Doch neben dem populären Blumenmeer und den Volksfesten wurden in zahlreichen Themengärten wichtige neue Ansätze in der Naturgestaltung zur Debatte gestellt: Am rechten Seeufers realisierten Ernst Baumann und Willi Neukom einen Staudengarten, der einen fließenden Übergang von Seegrund und Ufer zeigte und der international stilbildend im Umgang mit Uferlinien werden sollte. Den größten Kontrapunkt zu blühenden Blumenbeeten und dem populären Gartenverständnis bildete Ernst Cramers Garten des Poeten mit seiner minimalen Ausstattung. Das breite Publikum begegnete diesem Stück abstrakter Landschaft mit Befremden, Künstler und Architekten jedoch sahen darin die Zukunft. Auch in anderen Themengärten manifestierte sich der Wille abstrakte Bilder zu schaffen, die einen Gegensatz zu den Naturprozessen darstellen. Zwar brachte die G59 in ihren Themengärten zahlreiche neue Gestaltungsansätze ins Spiel, doch eine verbindliche moderne Doktrin konnte sich nicht etablieren. Moderne Themengärten bildeten auch den zentralen Fokus der internationalen Gartenschau in Hamburg 1963 (IGA 1963), wo sich die moderne Gestaltung im internationalen Vergleich messen konnte.
Die Erfahrungen der abstrakten Landschaftskonzeption flossen wesentlich in die Gestaltung der Expo 64 (Landesausstellung) in Lausanne ein. War bis 1939 das stereotype Schweizer ‚Dörfli’ ein wichtiges nationales Repräsentationsmoment, so entwickelte die Expo mit dem „Weg der Schweiz“ eine ganz neue Vorstellung: Die Ausstellungsthemen wurden im Rahmen eines architektonisch und topografisch gegliederten Parcours inszeniert.

In den 1970er Jahren war die Vorstellung der unbeschränkten Verfügbarkeit der Natur ins Wanken geraten und der ausbeuterische Umgang mit den Ressourcen der Natur wurde hinterfragt. Diese neue Umweltwahrnehmung und das Bestreben die Natur schützen zu müssen, veränderte die Naturgestaltung grundlegend. Das Bewusstsein für den bedrohten Planeten Erde lenkte die gestalterischen Interessen weg von der Schaffung moderner Umgebungen hin zur Konzeption ökologischer Räume. Ganz im Geist dieser Naturgarten-Bewegung wurde 1980 die zweite Schweizerische Gartenbau-Ausstellung Grün 80 in Basel veranstaltet. Entsprechend den aktuellen Anliegen der Zeit wollte sie eine „Landesausstellung der Natur“ sein, die in thematischen Sektoren die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur zur Diskussion stellte und die die natürlichen Gestaltungskräfte in Form von Biotopen und natürlich erscheinenden Landschaftsbildern inszenierte. Ein wichtiger Bestandteil der Planung war erstmals auch die sinnvolle Nachnutzung des Ausstellungsgeländes als Erholungsgebiet der Stadt Basel.

Mit der G59 und zwanzig Jahre später mit der Grün 80 wurden wichtige Umbrüche der schweizerischen Landschaftsarchitektur im 20. Jahrhundert manifest: Das Plädoyer für eine abstrakt reduzierte und funktional begründete Naturgestaltung im Rahmen der Moderne sowie der ökologische Umgang mit der Natur im Kontext der nachmodernen Wachstumskritik argumentierten noch weitgehend mit dem Gegensatz von Natur und Kultur. Eine weitere nationale Gartenbau-Ausstellung kam bisher nicht zustande. Jedoch bot die Expo.02 (Landesausstellung) im Jahr 2002 eine neuartige Plattform für die Naturgestaltung im 21. Jahrhundert, die stärker auf dem Verständnis einer Kultur-Natur aufbaute. Landschaftsarchitektonische Maßnahmen und inszenierte Natur waren integriert in ein Netzwerk von Fragestellungen und Themen, das sich über eine großräumige Natur- und Siedlungslandschaft an den bernischen Seen zwischen Yverdon, Neuchâtel, Biel und Murten ausdehnte und in das zahlreiche, vielfältige, kurz- und langlebige, spektakuläre und nachhaltige Interventionen und Gestaltungen eingelassen waren.

 

1 Vgl. Von der Blumenschau zum Künstlergarten, Schweizerische Gartenbau-Ausstellungen, Katalog, hrsg. von Annemarie Bucher und Martine Jaquet, Lausanne 2000; Annemarie Bucher, Naturen ausstellen, Schweizerische Gartenausstellungen zwischen Kunst und Ökologie, Dissertation 2008, unveröffentlicht; Annemarie Bucher: „G59: A Manifesto for an Ambivalent Modernism“, in: Landscape Journal, Design, Planning and Management of the Land, 2/ 2007, vol. 26.

2 Bundes- und Landesgartenschauen nach dem 2. Weltkrieg spielten eine wichtige Rolle im Wiederaufbau von kriegszerstörten Gebieten und sie entwickelten sich zu wichtigen Institutionen des öffentlichen Lebens.