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Fragen, die wir einander stellen: Kollektive Zeugenschaft am lumbung of Publishers

Einblicke in den lumbung of Publishers mit Halik Abdul Azeez

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Im Juli war ich als Mitglied der lumbung* of Publishers – einem Treffen unabhängiger Verlage und Buchmacherinnen und Buchmacher – an der documenta fifteen. Wir kommen aus verschiedenen Disziplinen wie Kunst, Aktivismus, Comicbücher, Belletristik und weiteren Bereichen. «Lumbung» ist ein indonesischer Begriff für eine gemeinschaftliche Reisscheune hier als Metapher für kollektiv gebündelte Ressourcen verwendet, die dann je nach Bedarf an die Akteurinnen und Akteure verteilt werden. Die 22 Mitglieder hatten an der documenta fifteen vom 6. bis 10. Juli 2022 während einer Woche die Gelegenheit, anhand eines organsierten Programms und informeller Treffen unsere vielfältigen Tätigkeiten kennenzulernen und künftige Wege für eine Zusammenarbeit zu suchen.

Nachdem wir uns während Monaten ausschliesslich online getroffen hatten, kam der lumbung of Publishers an der documenta fifteen in Kassel endlich physisch zusammen. Die logistischen Herausforderungen, rund 40 Personen (von 22 unabhängigen Verlagseinheiten) aus Europa, Afrika, Südamerika und Südostasien zur gleichen Zeit an den gleichen Ort zu bringen, waren erheblich, und viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aufgrund von Reisekomplikationen verspätet an. Doch als wir dann nach und nach eintrafen, praktizierten wir auf der Basis einer bereits etablierten Grundlage an diesem gemeinsam geschaffene Ort Nonkrong** (gemeinsam abhängen, Raum teilen).

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Das Prinzip von Nonkrong verlangt nicht unbedingt konkrete Aktionspläne oder Visionen, die sich entwickeln müssen. Es fördert eher das Erkennen von Gemeinsamkeiten und das Schaffen von Vertrauen, um zu sehen, was daraus entsteht. Für viele war es eine willkommene, wenn auch merkwürdige Aufforderung. Wie es Camilla Gonzales Simon vom chilenischen Kollektiv Hambre beschrieb: «Es ist seltsam, eine Einladung zu erhalten, einfach das zu tun, was man tun will». Sie fügt an: «Für viele Dinge in dieser Welt gibt es Grenzen in Bezug auf Zeit und Energie. Eine offene Einladung zu erhalten, die Selbstorganisation, Kennenlernen des Ökosystems von Verlagen sowie des Umfelds und der geografischen Lage anderer umfasst, ist etwas Neues».

Camilla und ihre Kollegin Daniela führten einen interaktiven, partizipativen Workshop. Sie nahmen uns alle auf einen öffentlichen Marktplatz mit und teilten uns in kleine Gruppen von zwei bis drei Personen auf. Dann gaben sie jeder Gruppe einige Münzen mit dem Auftrag, Lebensmittel zu kaufen und diese in die Gruppe zurückzubringen. Bei unserer Rückkehr wurden unsere kärglichen Beiträge in ein einfaches, aber üppiges Mahl verwandelt, das wir gemeinsam teilten. Hambres Metapher für eine gemeinsame Publikation, die dem gleichen Prozess wie die Zubereitung einer gemeinsamen Mahlzeit mit wenigen Ressourcen folgt, blieb in meinem Gedächtnis haften. Sie unterstreicht auf treffende Weise, wie viele von uns arbeiten: spärliche Ressourcen mit unsichtbaren Synergien aus einem gemeinsamen Setting zu ergänzen.

Organische Wege der Zusammenarbeit in Netzwerken von Freunden können enorm ergiebig und der eigentliche Grund sein, weshalb Gruppen zusammenkommen. Die Mehrzahl der Kollektive im Lumbung haben keine formellen Strukturen oder Arbeitsweisen. Doch trotz aller künstlerischer und gemeinsamer Vorteile ist das Arbeiten in Kollektiven ein schwieriges Unterfangen. Di Liu vom in Shanghai ansässigen Reading Room BOLOHO verleiht einer gemeinsamen Haltung Ausdruck, indem er sagt: «Die Art, wie wir uns selbst organisieren, hat viel mit Improvisation und Spontaneität zu tun. Wir organisieren uns auf natürliche Weise. Wir arbeiten mit Freunden zusammen, die ähnliche Werte teilen. Die Zusammenarbeit hat sich (für uns) ganz natürlich ergeben».

Eines der innerhalb der Gruppe diskutierten Themen war die Suche nach neuen Wegen, Kollektive organisatorisch zu tragen, ohne auf Strukturen zurückzugreifen, die die Spontaneität, die gegenseitige Unterstützung und den ergiebigen Fluss organischer Arbeitsmethoden bedrohen. Der Lumbung of Publishers selbst fand in einem Kontext statt, der sich bereits um die Fragen drehte, wie Kollektivität in der heutigen Welt nutzbringend eingesetzt werden kann – eines der Hauptthemen der documenta fifteen. Einige der ursprünglichen Ideen der documenta aufgreifend, betonen die beiden Mitglieder des künstlerischen Teams Indra Ameng und Frederikke “Fred” Hansen, dass sie ein Umfeld des gegenseitigen Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung schaffen wollen. «Die Idee des Lumbung ist nicht das Schaffen eines grossen globalen Kollektivs, sondern eines Kollektivs innerhalb von Kollektiven, die untereinander Ressourcen teilen können», sagte Hansen. So betrachtet war die documenta fifteen nur «eine Ressource», die einen Prozess auslöst, der auch in der Zukunft nachwirkt.

Allein durch den Akt des Teilens von Heruasforderungen im Zusammenhang mit der unabhängigen Verlagsarbeit konnten sich Gemeinsamkeiten entwickeln. Für viele bedeutet die Tatsache, ein unabhängiger Verlag zu sein, auch, sich von den Normen der Verlagsbranche zu befreien. Diese ist, wie es Carmen José von Rotopol ausdrückt, «ein grosses Monster, das alles auffrisst». Für die in Kassel versammelten Verlegerinnen und Verleger generieren Mainstream-Verlage Abfall und tendieren dazu, nur bestimmte Arten von Büchern und gewisse Formen kultureller Erzeugnisse zu bevorzugen, während unabhängige Verlage kleine Auflagen haben und die Buchproduktion auf organische, spielerische und unkonventionelle Weise angehen.

Keinen Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen wie grosse industrielle Verlage zu haben, bedeutet jedoch, dass logistische Schwierigkeiten generell ein Problem sind. Viele Eigenverlage und unabhängige Strukturen produzieren viel kleinere Quantitäten als die gängigen grossen Verlagshäuser. Dies führt dazu, dass die Versandkosten für ein Buch teilweise höher sind als ihr ursprünglicher Verkaufspreis. Ein Panel, das vom in Ägypten und Jordan ansässigen Verlag Kayfa-Ta organisiert wurde, und in dem der in Berlin tätige Buchhändler Siddhartha Lokanandi von Hopscotch Reading Room vorgestellt wurde, diskutierte einige dieser Schwierigkeiten.

Die Teilnehmenden tauschten Erfahrungen im Zusammenhang mit komplizierten Versänden aus, bei denen ein einziges Buch über mehrere befreundete Personen und Kolleginnen und Kollegen weitergereicht werden musste, damit es zu einem interessierten Käufer in einem anderen Land gelangte. Obschon diese Geschichte alle zum Lachen brachte, ist die Suche nach tragbaren Mitteln für den globalen Vertrieb ein dringendes Problem für alle. Der Lumbung ist nun gemeinsam auf der Suche nach alternativen Verkaufskanälen und nutzt dabei sein wachsendes globales Netzwerk, auch wenn das zunächst bedeutet, die Bücher der anderen einfach in den Koffer zu packen und zu transportieren.

Während sechs Tagen im ruruHaus und an weiteren Orten wie in Restaurants, Clubs und in den Strassen von Kassel kamen auch viele andere interessante Themen zur Sprache, wie Übersetzungen, Finanzierung, langfristige Tragfähigkeit und künstlerische Prozesse, die für die Art und Weise wichtig sind, in der viele von uns arbeiten. Zu den öffentlichen Veranstaltungen zählten Lesungen, partizipative Performances und Paneldiskussionen, unter anderem mit Contemporary &, die wichtige Aspekte des unabhängigen Verlagswesens beleuchteten.

Am letzten Tag fand eine Buchmesse statt, an der jedes Kollektiv einen Tisch mit den eigenen Publikationen präsentierte. So konnte wir den Besucherinnen und Besuchern der documenta fifteen nicht nur unsere Arbeiten vorstellen, sondern auch Einnahmen aus Buchverkäufen generieren. Dieser letzte Tag war in vielerlei Hinsicht auch eine Feier der innerhalb dieser 22 Einheiten aufkeimenden Gemeinsamkeiten. In den kommenden Monaten wird sich das Netzwerk erneut online treffen. Doch dieses Mal werden einige konkrete Ziele den Rahmen für ein neues Netzwerk globaler Verlegerinnen und Verleger bilden. Wir hoffen, eine gemeinsame Publikation zu erstellen, neue Vertriebsmethoden auszuprobieren und gegenseitig unsere Werke zu übersetzen. Nonkrong wird dabei natürlich weiterhin praktiziert.

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* Aus dem Indonesischen übersetzt bedeutet «lumbung» «Reisscheune». In indonesischen ländlichen Gemeinschaften wird die überschüssige Ernte in gemeinschaftlich genutzten Reisscheunen gelagert und zum Wohle der Gemeinschaft nach gemeinsam definierten Kriterien verteilt. Dieses Prinzip steht für die Lebens- und Arbeitspraxis von ruangrupa, den Kuratorinnen und Kuratoren der documenta fifteen, und wird für ein interdisziplinäres und gemeinschaftliches Arbeiten an künstlerischen Projekten genutzt. Angepasst übernommen vom Glossar der documenta.

**Nongkrong ist ein indonesischer Slang-Begriff aus Jakarta und bedeutet «gemeinsam abhängen». Ein ungezwungenes Gespräch und Miteinander, aber auch das Teilen von Zeit, Ideen oder Essen sind in diesem Begriff verankert. Für ruangrupa, aber auch für die majelis der lumbung members, ist nongkrong eine wichtige Praxis. Übernommen vom Glossar der documenta.

Autor: Abdul Halik Azeez

Abdul Halik Azeez ist ein in Colombo, Sri Lanka ansässiger visueller Künstler, unabhängiger Forscher und Autor. Er ist Gründungsmitglied des sri-lankischen Kollektivs The Packet, das wiederum selbst Mitglied von Lumbung of Publishers ist.

All photos (c) Abdul Halik Azeez

The lumbung of Publishers:

David Kaiza , Kenya
N’fana Diakite , Mali

The Publishers Lumbung an der documenta 15 wird von Pro Helvetia unterstützt und hat das Ziel, langfristig den Austausch zwischen unabhängigen Verlagen, Buchproduzenten und Buchproduzentinnen und Künstlerinnen und Künstlern in der Schweiz und weltweit zu stärken.