Biennale Arte 2022 – Schweizer Pavillon

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© Samuele Cherubini

«The Concert»: Latifa Echakhchs Reise durch Raum und Zeit

Latifa Echakhchs Installation lädt zu einer facettenreichen Zeitreise gegen den Uhrzeigersinn ein: Volkstümliche Skulpturen – gezeichnet von Vergänglichkeit – treten in einen Dialog mit Raum und Zeit.

Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia hat den Schweizer Pavillon dieses Jahr in die Hände der namhaften Künstlerin Latifa Echakhch gelegt, die im Gebäude von Bruno Giacometti gemeinsam mit Francesco Stocchi, Alexandre Babel und Anne Weckström ihre raumgreifende Installation «The Concert» inszeniert. Das Projekt soll den Besucherinnen und Besuchern das Eintauchen in eine Welt voller orchestrierter Widersprüche ermöglichen: Ein Tanz von Licht und Schatten, Entstehung und Auslöschung, Anfang und Ende.

Latifa Echakhch «The Concert» – Swiss Pavilion at the Biennale di Venezia 2022 © Pro Helvetia & Cultureshock

In jedem Raum ändert sich die Atmosphäre, die Zeit läuft rückwärts, vom helllichten Tag bis zum Abend davor. Die Skulpturen – immer erkennbarer inspiriert von der volkstümlichen Bildhauerei – füllen den Saal, werden jedoch mehr und mehr von einer sich ausbreitenden Dunkelheit verschluckt.

Es sind Szenen der Vergänglichkeit, der Katharsis, mit denen die Installations-Künstlerin Latifa Echakhch auf der diesjährigen Biennale die Besucher des Schweizer Pavillons in den Bann zieht. Szenen die den Kreislauf des Lebens auf vielschichtige und komplexe Art thematisieren. Sogar das Material, das sie für ihre Ausstellung verwendet, ist Teil einer Transformation, wiederverwertet aus bereits vergangenen Biennalen.

«Die Besucher sollen die Ausstellung mit dem gleichen Gefühl verlassen, das sie haben, wenn sie aus einem Konzert kommen. Dass dieser Rhythmus, diese Zufriedenheit noch nachhallt. Die Biennale ist jedes Mal eine Eruption von künstlerischer Grösse. Eine Welle, die in einer kathartischen Pracht gipfelt, sich dann wieder zurückzieht und eine menschenleere Landschaft mit verlassenen Gebäuden zurücklässt. Aber beginnt die Kunst, wie die Musik, nicht erst dann zu existieren, wenn die Stille und die Leere überhandnehmen?»,

fragt sich Latifa Echakhch.

© Samuele Cherubini

In Latifa Echakhchs künstlerischem Beitrag wird eine grundsätzliche, zutiefst menschliche Thematik erlebbar: Entstehung, Kulmination und Vergänglichkeit allen Seins. Und durchaus bewusst, lässt sich «The Concert» auch mit den grossen Themen der diesjährigen Biennale-Hauptausstellung verbinden, die unter dem Titel «Il latte dei sogni/The milk of dreams» den Fokus auf die Darstellung von Körpern und ihrer Metamorphosen, die Wechselwirkung zwischen Individuen und Technologie, sowie die Verantwortung des Menschen für die Erde legt.

«Ich freue mich besonders, dass die Künstlerin die Gelegenheit ihres Projekts für den Schweizer Pavillon genutzt hat, um eine für sie neuartige Zusammenarbeit einzugehen. Dies zeigt, dass die Biennale auch ein Ort des künstlerischen Experimentierens und der Risikobereitschaft ist.»

sagt Philippe Bischof, Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.


Zu überdenken

Aufzeichnung der Pressekonferenz zum Schweizer Pavillon an der Kunstbiennale 2022 am 20.4.2022.

Biografien

Latifa Echakhch

Latifa Echakhch, 1974 in El Khnansa (Marokko) geboren, lebt und arbeitet in Vevey und Martigny (Schweiz). Angetrieben von der Notwendigkeit, bestimmten Vorurteilen, Widersprüchen und Stereotypen in unserer Gesellschaft zu begegnen, isoliert und hinterfragt sie Materialien, die für diese Phänomene symbolisch sind. Im Jahr 2007 präsentierte Echakhch im Rahmen ihrer ersten musealen Einzelausstellung A chaque stencil une révolution im Le Magasin in Grenoble. Seitdem wurde Latifa Echakhchs Werk in zahlreichen Einzelausstellungen in diversen Ländern präsentiert: im Kunsthaus in Zürich, im Centre Pompidou in Paris, im Neuen Nationalmuseum von Monaco, in der Memmo Foundation in Rom, im KIOSK in Gent, im macLYON, im Hammer Museum in Los Angeles, im Portikus in Frankfurt, im Columbus Museum of Art in Ohio, im MACBA in Barcelona, im FRI ART in Fribourg, im Frac Champagne-Ardenne in Reims, im Swiss Institute in New York, in der Tate Modern in London, im Le Magasin in Grenoble; bei der Biennale von Istanbul, der 54. Biennale von Venedig, der 11. Biennale von Sharjah, der Jerusalem Art Focus Biennale und der Manifesta 7 in Bozen. Echakhch wurde 2013 mit dem Marcel-Duchamp-Preis ausgezeichnet. Alfred Pacquement, damaliger Direktor des Centre Pompidou und Vorsitzender der Jury für den Preis, sagte damals über die Künstlerin: „Ihr Werk zwischen Surrealismus und Konzeptualismus hinterfragt mit Sparsamkeit und Präzision die Bedeutung von Symbolen und spiegelt die Fragilität der Moderne wider.“

2015 präsentierte Echakhch Screen Shot im Museum Haus Konstruktiv, Zürich, und wurde mit dem Zürcher Kunstpreis ausgezeichnet.

Alexandre Babel

Geboren 1980 in Genf, lebt in Berlin und Genf.

Als Schlagzeuger, Komponist und Kurator gilt Alexandre Babel als Referenz in der experimentellen Musikszene und in der Interpretation des Repertoires des 20. und 21. Jahrhunderts. Jahrhunderts. Seine innovativen Projekte durchbrechen die Grenzen musikalischer Konventionen, indem sie die Erwartungen der Zuhörer bei der Eroberung neuer Kontexte durchkreuzen.

Alexandre Babel hat mit einer Vielzahl von Bands und Künstlern zusammengearbeitet, darunter das Ensemble KNM Berlin, das Ensemble Musikfabrik, die Noise-Rock-Band Sudden Infant, Anthony Pateras, Caspar Brötzmann, Carol Robinson, Tristan Perich, Félicia Atkinson und Ryoji Ikeda. Im Jahr 2020 wird das monografische Festival Les Amplitudes in La Chaux-de-Fonds Babels kompositorische und kuratorische Arbeit in den Mittelpunkt stellen. Babel ist derzeit künstlerischer Leiter des zeitgenössischen Perkussionskollektivs Eklekto. Er ist Preisträger des Schweizer Musikpreises 2021.

Francesco Stocchi

Geboren 1975 in Rom, lebt in Amsterdam.

Francesco Stocchi ist Kurator für moderne und zeitgenössische Kunst am Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam und verantwortlich für das Kunstprogramm der Fondazione Memmo in Rom. Er ist Redakteur von Il Foglio Arte, der Kunstbeilage der italienischen Zeitung Il Foglio. Im Jahr 2021 war er Ko-Kurator der 34. Ausgabe der Biennale von São Paulo mit dem Titel Faz escuro mas eu canto. Er hat mehrere Einzelausstellungen und Retrospektiven von Künstlern wie Richard Serra, Lygia Pape, Medardo Rosso, Kerstin Brätsch, Oscar Murillo, Pino Pascali, Sol Lewitt, Giulio Paolini, Co Westerik, Gelatin, Alexandra Domanovic, Raphael Hefti kuratiert. Darüber hinaus organisierte er thematische Ausstellungen wie Brancusi-Rosso-Man Ray Framing Sculptures und Minimal Myth. Stocchi hat experimentelle Gruppenausstellungen entwickelt, darunter Boijmans-AHOY, eine Drive-Through-Ausstellung, Le miroir vivant (kuratiert mit Alex da Corte) oder Balcony Rooms. Er hat zahlreiche Ausstellungskataloge und Künstlermonografien veröffentlicht. Stocchi unterrichtet an der NABA (Neue Akademie der Schönen Künste, Mailand), schreibt und veranstaltet Konferenzen über Kunst und visuelle Kultur.

Die Hauptausstellung der 59. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia «Il latte dei sogni/The milk of dreams», ist im Hauptpavillon der Giardini und im Arsenale zu erleben. Darin sind auf Einladung von Kuratorin Cecilia Alemani auch Werke von drei Schweizer Künstlerinnen zu sehen: von Hélène Smith (1861 – 1929) und Sophie Taeuber-Arp (1889 – 1943) sowie von Miriam Cahn (*1949), deren Schaffen mehrfach von Pro Helvetia unterstützt wurde. Die diesjährige Biennale von Venedig öffnet ihre Tore am 23. April und dauert bis zum 27. November.

Kuratoren
Alexandre Babel et Francesco Stocchi

Kommissäre
Schweizer Kulturstiftung
Pro Helvetia – Madeleine Schuppli

  • Projektleiter: Sandi Paucic
  • Projektmanagerin : Rachele Giudici Legittimo

Mehr Informationen über den Schweizer Pavillon an der Biennale von Venedig